Japan-Rundreise Teil 4 – Geschichtsstunde in Hiroshima

Am 8. Oktober hieß es Abschied nehmen aus Kyoto und ab in den Shinkansen nach Hiroshima. Da unser Japan Rail Pass nicht für den modernen Schnellzug „Nozomi“ reichte, dauerte die Fahrt 2 statt 1,5 Stunden, was auf einer Strecke von ungefähr 500 km wirklich zu verkraften ist. Die Übernachtung hatten wir im Chizuru Ryokan gebucht, unserem ersten japanischen Gästehaus.

Schlafen auf Futons: Das erste japanische Ryokan

Obwohl eher ungeplant war diese Buchung strategisch günstig, denn zunächst war es natürlich aufregend die typischen Möbel zu sehen und auf Futons zu übernachten, aber die Ryokans in Nagasaki und vor allem in Kurokawa, die wir später besuchten, waren deutlich besser. Die Räume der Unterkunft in Hiroshima waren leider recht dunkel und die Waschgelegenheiten sehr einfach, denn man musste sie sich mit anderen Gästen teilen. Da die Gastgeberin aber sehr nett und die Lage gut war, kann ich dieses günstige Ryokan trotzdem weiterempfehlen. Zur Begrüßung gab es den obligatorischen Tee und japanische Süßigkeiten, während wir die Formalitäten erledigten. Danach brachen wir in Richtung Hiroshima Peace Memorial Park auf, der nur einige Gehminuten entfernt lag.

Im Park liegt das Friedensmuseum, die Friedensglocke und der bogenförmige Kenotaph („Scheingrab“, oft auch Zenotaph genannt), den man jedes Jahr am 6. August in den Nachrichten sehen kann, wenn die Friedenstauben zum Gedenken frei gelassen werden.
Gedenkstätte Atombombenabwurf
Blickt man durch den Kenotaph hindurch, sieht man das bekannteste Mahnmal Hiroshimas: Die Überreste der Atombombenkuppel oder auch Atombomben-Dom genannt (gembaku dōmu). Dabei handelt es sich aber nicht etwa um eine ehemalige Kirche, sondern um die Überreste eines Ausstellungsgebäudes für Industriegüter.

Im Schatten der Atombombe

Wir gingen zuerst in das Friedensmuseum. Die Ausstellung in dem langgezogenen Bau erstreckt sich über zwei Etagen und beginnt zunächst damit, den Atombombenabwurf in Hiroshima in die Weltkriegsgeschehnisse einzusortieren. Mit Bildern und historischen Texten versucht man (wie ich finde) relativ neutral die Gründe, warum es so weit kommen konnte, darzustellen. Es werden Fragen beantwortet, wie die Forschung in den USA abliefen, wie sich das Kriegsgeschehen und die politischen Kräfte weltweit entwickelt haben und welche Rolle Japan darin hatte.

Interessant fand ich vor allem, die Entscheidungswege zu sehen, wie die Wahl auf Hiroshima fiel und wann der Zeitpunkt und die Details dazu festgelegt wurden. Wenige Tage später in Nagasaki erfuhren wir, dass die Stadt relativ spontan ausgewählt wurde, da über dem eigentlichen Ziel, die Stadt Kyoto, das Wetter zu schlecht war.

In einem Raum relativ am Anfang des Friedensmuseums befindet sich ein Hiroshima-Modell, über dem ein roter Ball schwebt. Er symbolisiert das Epizentrum der Atombombe „Little Man“ in etwa 600 Metern Höhe. Das Ziel für den Piloten war die Aioi-Brücke im Stadtzentrum und wurde erstaunlich genau eingehalten. Am Modell wurde ich von einer japanischen Museumsführerin angesprochen, die mir Details zu diesem schrecklichen Ereignis auf Englisch erzählen wollte. Sie war positiv überrascht, wie viel ich und mein Freund über Hiroshima wussten. Japaner sind fasziniert von Gästen, die nicht nur Interesse für ihre Kultur und Gesellschaft haben, sondern auch schon Wissen mitbringen.

Hinzu kam bei der Museumsmitarbeiterin, dass sie nicht nur Deutschland liebte, sondern auch schon dort war und Düsseldorf kannte. Düsseldorf, die unbeliebte Nachbarstadt meiner Heimat Köln, ist sowohl in Japan als auch in Deutschland bekannt für seinen hohen Anteil an japanstämmigen Einwohnern. Wir unterhielten uns bestimmt 20 Minuten, bis wir uns weiter auf den Weg durch die Ausstellung machten. Zum Abschied bekamen wir ein „Auf Wiedersehen“ und sie schüttelte uns sogar die Hand, womit sie wiederum mich überraschte, vermeiden Japaner doch eigentlich Körperkontakte in der Öffentlichkeit weitgehend.

Der Rest der Ausstellung war dann, wie zu erwarten war, hart zu nehmen. Neben verkohlten Brotdosen, und Kleidungsstücken gab es auch Relikte wie konservierte Fingernägel und Haut zu sehen. Unglaublich waren auch die dort aufgestellten Steinstufen und Wandreste eines Bankgebäudes, auf denen man die hellen Umrisse eines verglühten Menschen erkennen konnte. Ich hatte eigentlich zwei Stunden durchgehend Tränen in den Augen, da wir abwechselnd die ganzen aufbewahrten Funde gepaart mit den Geschichten persönlicher Schicksale ansahen und Texte dazu lasen.

Nach dem Museumsbesuch gingen wir durch den Friedenspark und schauten uns die dort gezeigten Skulpturen, Denkmäler und Mahnmale an. An allen Objekten stehen Wasserflaschen, die den furchtbaren Durst symbolisieren unter dem die Strahlungsopfer bis zu ihrem Tod litten. Im Park hängen außerdem überall bunte Origami-Kraniche, die japanische Schüler aus allen Landesteilen regelmäßig dorthin schicken. Was es mit den Kranichen auf sich hat könnt ihr zum Beispiel hier nachlesen.

Hippie-eskes Flair in Hiroshima

Neben dieser tragischen historischen Stätte hat Hiroshima aber auch anderes zu bieten. Beim Spaziergang durch die Stadt empfanden wir die Menschen und das Flair im Gegensatz zu Kyoto und Tokyo eher als hippie-esk. Die Klamotten und das ganze Auftreten der jungen Leute in Hiroshima war viel entspannter und bunter, insgesamt wirkte alles weniger gewollt und gestylt als zum Beispiel in Tokyo. Das Ausgehen und Essen war entsprechend sehr relaxt. Wir wollten unbedingt den typischen Okonomiyake essen, eine Spezialität, die an irgendetwas zwischen Omelette, Pfannkuchen und Pizza erinnert, aber dann doch ganz anders ist.

Das kulinarische Entdecken: Okonomiyake und Saki Ika

Unsere Ryokan-Gastgeberin hatte uns eine Restaurantetage („Okonomimura Building“) in der Stadt empfohlen und uns eine Nummer genannt, welches davon gute Okonomiyake zubereiten sollte. Als wir dort ankamen, stellte sich heraus, dass die ganze Etage nur aus verschiedenen Okonomiyake-Restaurants bestand und genau das empfohlene bereits voll besetzt mit einer Gruppe Touristen war. Wir fackelten nicht lange und setzten uns einfach in irgendein anderes, denn zu unterscheiden war sowieso keins. Außer uns saß eine japanische Familie um die heißen Platten, auf denen die beiden Köche die japanischen Pfannkuchen frisch zubereitete.


Wir tranken kühles Bier, denn direkt an den Platten war es extrem warm. Wir beobachteten die Köche beim Live-Cooking und drehten munter Videos von den ganzen Arbeitsschritten. Die Okonomiyake waren köstlich, aber einer hätte definitiv für uns beide zusammen gereicht. Durch die Eier, den Speck, die Sauce und die Nudeln wurde das ganze recht reichhaltig und schwer.

Nach dem Essen sprach uns einer der Köche auf Deutsch an und strahlte dabei wie ein Honigkuchenpferd. Er erzählte uns, dass er fünf Jahre in Frankfurt in einem japanischen Restaurant gearbeitet hatte und sogar das Daitokai in Köln kennen würde. Die anderen beiden Köche verstanden kein Wort, amüsierten sich aber dennoch sichtlich über unsere deutsche Unterhaltung. Einer der beiden bot uns irgendwann schwarze, trockene Streifen von Was-auch-immer an, die er die ganze Zeit schon kaute.

Unser „Frankfurter“ Koch erklärte und, dass die Streifen ein beliebter Snack zum Bier in Japan seien, genannt Saki Ika, getrocknete Tintenfischstreifen. Ich erinnerte mich, dass zwei Tage davor, ein Deutscher im Hostel in Kyoto davon erzählt hatte und er sie sehr gern aß. Wir probierten also tapfer, diesen typisch japanischen Snack, der aus . Das Ergebnis war 50:50: Mein Freund mochte es überhaupt nicht, ich fand es ganz lecker. „Trocken, salzig, zäh“ beschreibt es am besten, daher sollte man es wirklich nur mit einem großen Getränk zusammen probieren. Der Koch, der uns den Tintenfisch angeboten hatte, war sichtlich stolz, dass er zumindest bei einem Gast Erfolg mit seinem Experiment hatte.

Miyajima – Zu Recht eine der drei schönsten Landschaften Japans

Am folgenden Tag fuhren mit dem Zug raus aus der Stadt zum Hafen (Bahnhof: Miyajima-guchi), von wo wir die Fähre zur Insel Miyajima nahmen, die zu den drei schönsten Landschaften Japans zählt. Miyajima bedeutet übersetzt „Schrein-Insel“ und sein Wahrzeichen ist eines der bekanntesten für das ganze Land: Das rote Torii des Itsukushima-Schreins, dass im Meer vor der Insel steht oder besser gesagt „schwebt“.


In diesem Schrein wurden wir nebenbei Zeugen einer Zeremonie, die ich mangels Wissens leider nicht richtig einordnen kann: Ein Junge saß mit seinen Eltern zusammen vor einem Priester saßen und sie führten rituelle Handlungen durch. Wenn ich es aus dem christlichen Glauben übertragen würde, hätte ich stark auf eine Art „Taufe“ getippt. Beim Nachlesen über Shintoismus, habe ich etwas über Reinigungsrituale für Kinder gelesen, die meistens im Herbst stattfinden. Das könnte es also gewesen sein.

Miyajima ist ein toller Ort für einen Ausflug bei schönem Wetter. Man kann über die Insel bis hoch zum Mount Misen wandern, alternativ fährt dort aber auch eine Seilbahn hin, die uns mit ca. 10€ pro Weg aber zu teuer war. Die Insel ist komplett bewaldet und es begegnen einem überall Rehe (alle sind hungrig und knabbern sogar Karten und Broschüren aus der Hand weg) und auf dem Mount Misen gibt es sogar Japanmakaken.

Wir wanderten alle Schreine ab, versuchten (relativ erfolgreich) Fotos ohne andere Touristen am Itsukushima-Schrein und dem roten Torii zu schießen (wir konnten bei Ebbe nah heranlaufen) und setzten uns im Daisho-In Tempel in eine gerade stattfindende Zeremonie, die von Trommeln begleitet einiges an Gänsehaut verursachte. Sogar Kulinarisch hat Miyajima einiges zu bieten, denn die Insel ist bekannt für Austern und mit Bohnenpaste gefülltes, süßes Gebäck in Ahornform, das man überall frisch und warm auf die Hand kaufen kann.

Abends zurück in Hiroshima gingen wir im Zentrum ins Restaurant „Onegiya“. Wir bestellten nach Fotos, denn leider war nichts auf Englisch beschrieben, aber alles, was wir auswählten war so lecker, dass ich es nur weiterempfehlen kann. Mein Fazit: Herrlich dieses Hiroshima! Wer eine ganze Bandbreite an Gefühlen in einer Stadt erleben möchte, ist hier bestens aufgehoben!

Du hast die Berichte und Fotos über meine Reisevorbereitung, Tokyo und Kyoto verpasst? Die letzten Stationen der Rundreise führten uns nach Nagasaki, ins Onsen-Dorf Kurokawa und nach Osaka und werden bald veröffentlicht.

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2 Antworten

  1. Marco sagt:

    Wirklich tolle Beschreibung deiner Reise und die fotos sind auch sehr gut! weiter so 😉

  2. marion sagt:

    Vielen Dank, es macht mir grad viel Spaß und bei so tollem Feedback natürlich noch mehr!

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