Scirocco? Eine Begegnung in Selinunte

Der Scirocco – Irgendwie klingelt das Wort ganz hinten in meinem Kopf, als hätte ich es schon einmal gehört. Es klingt nach einem feurigen, spanischen Tanz, einem überdekorierten Baustil wie Barock oder wie Rock ’n’ Roll. Aber was ist der Scirocco eigentlich? Während meines Sizilien-Urlaubs hatte ich eine Begegnung mit ihm:

Es ist noch heiß im Süden Siziliens. Auch Anfang Oktober lockt das Meer Urlauber und Einheimische mit 25 Grad Wassertemperatur. Träge liege ich auf meinem lettino, dem Liegestuhl, unter einem bunten Sonnenschirm.

Der Beachboy lehnt lässig am Geländer seiner Holzhütte und bewegt sich nur dann eifrig, wenn neue Sonnenanbeter auf den Strand stürmen und ein Schattenplätzchen suchen. Aber das sind heute, an einem Tag Anfang Oktober, nicht viele. Es ist recht ruhig, der große Sommeransturm ist längst vorbei. Nur die Brandung rollt immer noch mächtig an den goldenen Sandstrand und einige Kinder und Hunde jubeln und stürmen ihr entgegen.

Der Strand in Selinunte

Schwimmen, Lesen, Sonnen am Strand in Selinunte

Ich fliege durch die Seiten meines Buches, nur unterbrochen von einigen Schwimmpausen im klaren Wasser. Gelegentlich schaue ich schräg hinter mich, zu den antiken griechischen Ruinen des alten Selinunte, die mächtig über dem Strand thronen und schon aufregendere Tage als diesen gesehen habe. Die Akropolis mit einmaligen Blick aufs Meer war Freud und Leid vieler Menschen lange vor mir. Die einmalige Lage zog einst um die 100.000 Einwohner an, lange bevor es den Begriff Mega-Metropolen gab, Metropolen, die im Smog versinken und in denen Verkehrschaos das Leben bestimmt.

Ich schließe meine Augen, Sand bläst plötzlich unaufhörlich in mein Gesicht. Die Böe ist bestimmt gleich vorbei. Mehr Sand prickelt auf meiner Haut. Erste Rufe ertönen und ich blinzle vorsichtig hinter meiner Sonnenbrille hervor. Einige Zeitschriften und Handtücher wirbeln herum. Der Wind nimmt immer noch zu. Ich setze mich auf und schaue ungläubig nach links. Sonnenschirme und Sonnenanbeter kämpfen um ihren Platz. Der Wind nimmt zu. Mehr Handtücher und T-Shirts fangen an zu fliegen. Die Böe ist heftig, aber bestimmt gleich vorbei.

Plötzlich sehe ich die Rückseite einer ersten Liege, die unbesetzt am Strand steht, über den Sand rollen. Eine zweite, eine dritte folgen und werden mit aller Macht über den Strand gedrückt. Lautere Rufe ertönen, Menschen springen hektisch herum. Ein Schirm wird aus dem Strand gerissen und fliegt auf eine Gruppe zu. Ein zweiter folgt und erhebt sich in die Luft. Alle halten, was sie halten können und schauen ungläubig nach oben. Die Böe ist echt heftig, aber bestimmt gleich vorbei.

Wie ein Ballon tanzt der große, bunte Sonnenschirm auf dem Wind nach oben, weiter nach oben. Zwanzig Meter trennen ihn jetzt von seinem Platz am Strand. Er fliegt in luftiger Höhe aufs Meer zu, wo er Minuten später landet und langsam untergeht. Gott sei Dank ist er nicht mitten in die Leute geknallt. Dann kommt plötzlich die Stille und die Sonne prickelt wieder auf der Haut.

So plötzlich wie er kam, ist der Wind vorbei. Scirocco nennt man ihn hier in Sizilien und diese eine Begegnung reicht mir. „Ein heißer Wind aus der Sahara“, sagt das Internet.

Vorsichtig kriechen die ersten Menschen von ihren Liegen und unter den Liegen hervor. Das Aufräumen beginnt. Einige schwimmen ihrem Hab und Gut im Meer hinterher. Andere stehen noch lange ungläubig am Strand und schauen sich und das Chaos immer wieder an. Nur die Ruinen auf der Akropolis stehen unbeeindruckt oben auf ihrem Plateau. Sie haben schön Schlimmeres erlebt, weder die Menschen noch die Natur konnten sie bisher dem Erdboden gleichmachen.

Rock ’n’ Roll Scirocco!

Tempel mit Meerblick in Selinunte

Tempel mit Meerblick in Selinunte

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